Expert*innen aus Erfahrung: Genesungsbegleitung in den LVR-Kliniken

Birsen Özmen, Regina Bäcker und Pierre Lücking haben eine Gemeinsamkeit: Sie alle arbeiten als Genesungsbegleiter*innen in einer LVR-Klinik. Als Expert*innen aus Erfahrung wissen sie ganz genau, wie sich eine seelische Krise anfühlt – und wie man wieder herauskommen kann.

Damit sind sie eine wertvolle Ergänzung für die Behandlungsteams. Im Film erzählen die drei ihre Geschichte und was ihnen der Beruf bedeutet.

Außerdem berichten ihre Patient*innen, welche wichtige Rolle die Erfahrungsexpert*innen auf ihrem Weg spielen.

Dr Callil steht vor seiner kleinen Klasse in der Forensik der LVR-Klinik Köln-Porz.
„Für mich ist das kein Beruf, sondern ein Baden im Glück“: Dr. Calleen und seine Schüler in der forensischen Psychiatrie Bild: Dagmar Schmidt / LVR-Klinik Köln

Demokratie lernen in der forensischen Psychiatrie

Die Schulglocke läutet, der Lehrer oder die Lehrerin betritt das Klassenzimmer, die Schüler stehen auf – so kennen die meisten den täglichen Unterrichtsbeginn aus ihrer Kindheit und Jugend.

In der Schule der forensischen Psychiatrie der LVR-Klinik Köln-Porz ist alles anders: Hier wartet Lehrer Dr. Justinus Maria Calleen im Erdgeschoss auf seine drei erwachsenen Schüler. Die Männer legen alle Metallgegenstände ab – Gürtel, Uhren, Brillen – und treten durch einen Metalldetektor. Erst dann geht Dr. Calleen mit ihnen in das Schulzimmer im ersten Stock des Verwaltungsgebäudes der Klinik – ein etwa 20 Quadratmeter große Raum mit Regalen, Bürotischen, Landkarten, Fotos und einem großen Flipchart. Die Projektion eines Beamers ist auf das einzig freie Stück Wand gerichtet.

Patienten statt Häftlinge

Die drei Schüler – Isaak A., Paul S. und Laith F. – haben schwere Straftaten begangen. Ein Gericht hat geurteilt, dass sie aufgrund ihrer psychischen Erkrankung gar nicht oder nur eingeschränkt schuldfähig sind. Daher müssen sie keine Freiheitsstrafe in einem Gefängnis absitzen. Da das Gericht aber davon ausging, dass sie krankheitsbedingt weitere Straftaten begehen könnten, müssen sie so lange in einem psychiatrischen Krankenhaus bleiben und behandelt werden, bis keine Gefahr mehr von ihnen ausgeht.

Die hochgesicherte Klinik ist umgeben von einer fünf Meter hohen Mauer und verfügt über weitere bauliche und technische Sicherungsmaßnahmen. Die rund 150 Patienten sind aber nicht einfach weggesperrt, sondern werden intensiv therapiert und betreut.

Lernen als Teil der Therapie

Eine der Therapiemaßnahmen ist der Schulunterricht, zu dem Issak A., Paul S. und Laith F. zweimal in der Woche kommen – freiwillig, weil sie lernen wollen.

Heute nehmen sie teil an einem Herzensprojekts ihres Lehrers Dr. Calleen: Der Demokratie-Bildung. Dieser fragt, welcher Artikel des Grundgesetzes – Inhalt des heutigen Unterrichts – ihnen am wichtigsten sei.

Als erster antwortet Laith F., seit fast vier Jahren Patient der forensischen Klinik. Der lebhafte junge Mann zögert keinen Moment: Für ihn hat Artikel 7 – in dem die staatliche Schulaufsicht und die Elternrechte in Bezug auf den Religionsunterricht geregelt sind – eine große Bedeutung. Nur die Eltern sollten bestimmen, welchen Religionsunterricht die Kinder besuchen.

Auch Isaak A., erst seit fünf Monaten in der Klinik, fällt die Antwort auf Dr. Calleens Frage nicht schwer: Für ihn steht Artikel 1 im Mittelpunkt – die Würde des Menschen ist unantastbar. Issak A. wurde im Irak geboren und möchte nur noch in einem Land leben, in dem die Würde des Menschen geachtet und durch die Verfassung geschützt wird. Er arbeitet hart an sich und beteiligt sich an vielen Co-Therapien und Bildungsangeboten der Klinik, denn er hat ein klares Ziel: Die Ausbildung zur Pflegefachkraft.

Paul S., seit vier Jahren in der Klinik untergebracht, ruhig und zurückhaltend, hat ebenfalls eine klare Präferenz: Ihm ist Artikel 5 des Grundgesetzes besonders wichtig. Sein Argument: Jeder und jede soll gehört werden, alle hätten ein Recht auf ihre eigene Meinung.

Dr. Calleen stimmt ihm zu, erklärt aber auch die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland: Beleidigung, Verleumdung, Volksverhetzung und die Billigung der NS-Gewaltherrschaft setzen Artikel 5 GG Grenzen.

Demokratie im Dialog

Es wird eifrig diskutiert und beschlossen, die nächste Unterrichtsstunde dem Thema Nationalsozialismus zu widmen. Heute aber geht es um Demokratie. Was sind Bürgerrechte und was sind Menschenrechte? Was ist gerecht? Wie ist die Rechtslage in Deutschland und wie verhält es sich damit in anderen Ländern?

Dr. Calleen, einer von zwei Lehrkräften der forensischen LVR-Klinik in Köln-Porz, ist immer in Bewegung: Er verteilt Kopien von Zeitungsartikeln, projiziert mit dem Beamer das Grundgesetz an die Wand und regt seine Schüler unentwegt an, zu hinterfragen, zu reflektieren und Standpunkte zu entwickeln. Er erklärt: „Für mich ist dieser Unterricht Sinnstiftung, Orientierung und Wertekunde zugleich. Die Schüler sollen ein Bewusstsein und eine Verantwortung für sich selbst und das Leben entwickeln.“

Er motiviert die Schüler, kontinuierlich die Nachrichten zu verfolgen und verknüpft die große Weltpolitik immer mit ihren individuellen und persönlichen Erfahrungen und Perspektiven: „Dabei geht es nicht einfach um das Sammeln von Erkenntnissen, sondern vor allem um das Nachdenken über die gesammelten Erfahrungen und das verantwortliche Gestalten von selbstregulierten Lebensperspektiven“.

Aktuelle Politik hinter Klinikmauern

Wie so viele Menschen auf der Welt beschäftigt auch die Schüler in der forensischen Klinik aktuell US-Präsident Donald Trump. Für Paul S. ist der Präsident kein Demokrat. Isaak A. meint, Trump sei gut für die USA, aber eine Gefahr für den Rest der Welt. Die Patienten hören sich gegenseitig aufmerksam zu und tauschen ihre verschiedenen Meinungen respektvoll und höflich aus.

Mit in ihrer Behandlung weit fortgeschrittenen Schülern seines Demokratie-Unterrichts, die für begleitete Ausgänge die Klinik verlassen dürfen, besuchte Dr. Calleen bereits das EL-DE-Haus, das NS-Dokumentationszentrum in der Kölner Innenstadt. Dort wurden manche von ihnen zum ersten Mal mit der schrecklichen Tatsache konfrontiert, dass im Rahmen des Euthanasieprogramms „Aktion T4“ der Nationalsozialisten zigtausende Menschen systematisch ermordet wurden, die wie sie unter einer psychischen Erkrankung litten.

Laith F. interessiert sich sehr für den Nationalsozialismus, denn „ich lebe in diesem Land und muss das wissen“. Überhaupt interessieren sich alle drei für Politik und schätzen, wie sie am Ende der Unterrichtsstunde betonen, Dr. Calleen und seinen spannenden Unterricht.

Das beruht auf Gegenseitigkeit: „Für mich ist das kein Beruf, sondern ein Baden im Glück“, sagt der engagierte Kölner, der die einzigartige Demokratie-Bildung selbst konzipiert und etabliert hat. Für ihn ist dieser Unterricht mehr als nur Wissensvermittlung, denn: „Ich erlebe meine Schüler nicht in erster Linie als Patienten, wie das auf den Stationen der Fall ist. Ich freue mich einfach, wenn sie so aktiv dabei sind und wenn ich sehe, was ich bei ihnen für ihr Leben und ihre Zukunft auslöse und nachhaltig bewirke. Darüber hinaus lerne auch ich viel von ihnen und dem lebendigen und engagierten Austausch im Unterricht“.

Bildungschancen in der forensischen Psychiatrie

Die Patientinnen und Patienten aller forensischen LVR-Kliniken haben – wenn ihre Therapie gut verläuft - die Möglichkeit, freiwillig am Schulunterricht teilzunehmen. Etwa 30 der rund 150 Patienten der LVR-Klinik Köln-Porz nutzen die dortigen Bildungsangebote.

Viele von ihnen haben aufgrund ihrer Erkrankung große Bildungslücken und keinen oder sehr niedrigen Schulabschluss. Die Klinik unterrichtet klassische Schulfächer wie Deutsch, Mathematik, Englisch, Erdkunde und Geschichte und bietet darüber hinaus Alphabetisierungskurse an. Die Schüler haben auch die Möglichkeit, sich in der Klinik individuell auf die verschiedenen Schulabschlüsse vorzubereiten und extern die jeweiligen Prüfungen abzulegen. Der Unterricht folgt in Kleingruppen von maximal vier Patienten oder auch im Einzelunterricht.

Die Illustration zeigt drei Personen, die an einem Tisch sitzen und sich unterhalten.
Ein Trialog ist ein Gespräch zwischen drei Parteien. In der Psychiatrie sind das die Fachpersonen, die Patient*innen und ihre Angehörigen.

Mitsprache in der Psychiatrie? Unbedingt!

Über Trialog, Demokratie und Psychiatrie im Wandel – ein Interview mit Mile Lex Franke, Claudia Himmel und Wiebke Schubert

  • Mile Lex Franke ist Vorstandsmitglied im Landesverband Psychiatrie-Erfahrener NRW e.V.
  • Claudia Himmel leitet die Stabstelle Pflegeentwicklung im LVR-Klinikum Essen.
  • Wiebke Schubert ist Vorsitzende des Landesverbandes der Angehörigen Psychisch Kranker e.V.

Sie alle sind Mitglied in einem Gremium beim LVR, das sich Trialogischer Beirat nennt. Erklären Sie doch bitte zunächst, was ein Trialog ist.

Claudia Himmel:

Ein Trialog ist ein Gespräch zwischen drei Parteien. In der Psychiatrie sind das die Fachpersonen aus den Behandlungsteams, die Patient*innen und ihre Angehörigen. Dass alle Parteien gehört werden, teilhaben und sich austauschen können, klingt banal, war in der Psychiatriegeschichte aber lange Zeit nicht gegeben.

Mile Lex Franke:

Die Idee dieses speziellen Trialogs geht zurück auf Dorothea Buck, die unter den Nazis in der Psychiatrie sehr schlimme Erfahrungen gemacht hat. Mit ihr als Patientin wurde damals überhaupt nicht gesprochen, der Umgang war total autoritär und von oben herab. Buck wollte das ändern und forderte Gespräche ein.

Wiebke Schubert:

Dazu muss man wissen, dass die Angehörigen psychisch erkrankter Personen noch bis in die 1970er Jahre nicht gesehen wurden. Eigentlich lief es immer so: Wurde ein Mensch aus der psychiatrischen Klinik entlassen, wussten seine Angehörigen in der Regel nicht, was dort passiert war und wie mit ihm umgegangen wurde.

Und was ist der Trialogische Beirat?

Claudia Himmel:

Im Trialogischen Beirat bringen wir alle drei Perspektiven zusammen: Fachpersonen, Patient*innen, Angehörige. Wir als Behandelnde tun zum Beispiel oft Dinge, von denen wir annehmen, dass sie für die Patient*innen gut und richtig sind. Das muss aber nicht zwangsläufig so sein.

Mile Lex Franke:

Genau, dieser Perspektivwechsel ist das, was den Trialogischen Beirat auszeichnet. Ich habe schon oft erlebt, dass Menschen von sich selber ausgehen und überlegen, was sie in der Situation einer anderen Person wollen würden. Und das kann etwas völlig anderes sein als das, was der oder dem Betroffenen wirklich guttut. So etwas kann unter Angehörigen passieren, in Selbsthilfegruppen oder auch in professionellen Settings.

Wiebke Schubert:

Womit wir wieder beim Trialogischen Beirat wären. Missverständnisse dieser Art lassen sich vermeiden, wenn alle Parteien miteinander ins Gespräch kommen. Das ist Teilhabe und damit auch ein demokratischer Prozess, den wir fördern. Der Beirat existiert jetzt seit etwa zwei Jahren: Neben uns gibt es natürlich noch weitere Mitglieder, wir haben eine Satzung und treffen uns drei bis vier Mal im Jahr in der LVR-Zentrale in Köln.

Über welche Themen wird dann zum Beispiel gesprochen?

Claudia Himmel:

Etwa über Whistleblowing. Das Hinweisgeberschutzgesetz verpflichtet den LVR, sichere Kanäle einzurichten, damit Mitarbeitende auf Missstände aufmerksam machen können. Hinweisgebende Personen – die sogenannten Whistleblower – genießen dabei einen besonderen Schutz und dürfen in keiner Weise belangt werden. Nicht alle Mitarbeitenden wissen, dass es solche Meldekanäle im LVR überhaupt gibt.

Mile Lex Franke:

Natürlich müssen die Meldekanäle auch grundsätzlich Angehörigen und Betroffenen offenstehen. Wenn ich beobachte, dass jemand immer wieder gegen Regeln verstößt, muss ich das melden können, ohne Angst vor negativen Konsequenzen haben zu müssen. Auch das ist Demokratie: dass ich ein Mitspracherecht habe und geschützt werde, wenn ich davon Gebrauch mache.

Wiebke Schubert:

Das gilt auch für Angehörige: Wenn sie etwas melden, darf das keine Auswirkungen darauf haben, wie mit den zugehörigen Patient*innen umgegangen wird. Es sind solche Themen aus dem Klinikalltag, auf die wir als Trialogischer Beirat den Fokus legen und dafür sorgen, dass alle Parteien entsprechend sensibilisiert werden.

Claudia Himmel:

Ein anderes Beispiel ist das Thema Sprache: Sie kann sehr stigmatisierend sein, insbesondere Fachsprache. Begriffe wie Bewahrfall oder Drehtürpatient*in werden einfach als diskriminierend erlebt. Auf der anderen Seite gibt es unglückliche Euphemismen, also Beschönigungen, wie geschützte Station statt geschlossener Station. Wir erstellen im Trialogischen Beirat gerade ein Glossar mit problematischen Begriffen und suchen nach passenderen Alternativen. So verändern wir vielleicht nicht das System, aber wir versuchen die Situation in den Kliniken zu verbessern.

Ist die Situation denn schlecht? Wo steht die Psychiatrie heute?

Claudia Himmel:

Wir befinden uns auf einem guten Weg, würde ich sagen. Insbesondere seit der Psychiatrie-Enquete Mitte der Siebziger ist viel passiert. Diese Reform kam direkt von der Bundesregierung und rückte den Menschen mit seinen individuellen Bedürfnissen mehr ins Zentrum. Trotzdem sind wir noch lange nicht am Ziel.

Mile Lex Franke:

Die Situation ist zwar besser als früher, aber weiterhin schlecht. Schaut man zurück auf die Anfänge der Psychiatrie und ihrer Vorläufer, ging es lange Zeit gar nicht darum, Menschen zu behandeln. Vielmehr sollten diejenigen, die nicht der herrschenden Meinung folgten und nicht ins Bild passten, aus der Gesellschaft entfernt werden – um es mal vorsichtig zu formulieren. Dass Menschen eine Form von Therapie erhalten, ist also eine relativ junge Erscheinung. Und ich würde mir wünschen, dass Therapie auf Augenhöhe stattfindet, ohne Hierarchien und ohne Zwang, wie es auch die UN-Behindertenrechtskonvention fordert. Davon sind wir leider noch weit entfernt. Auch wäre es erstrebenswert, den Umgang mit Menschen in Krisen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu begreifen. Aktuell erleben wir leider eher, dass sich die Allgemeinheit nicht zuständig fühlt und die Probleme auf Institutionen und Kliniken abwälzt.

Wiebke Schubert:

Aber jede Veränderung beginnt mit kleinen Schritten. Dass wir die Gesellschaft mit unserem Beirat nicht ändern können, ist klar. Aber in den Kliniken sind viele kleine Erfolge bereits sichtbar. Vor Jahren wäre eine leitende Oberärztin mit Kopftuch wahrscheinlich die Ausnahme gewesen. Oder ein tätowierter Genesungsbegleiter. Heute werden Vielfalt, Chancengleichheit und Teilhabe wie selbstverständlich gelebt und aktiv gefördert. Davon kann ich mich oft überzeugen und das stimmt mich zuversichtlich, dass wir auf dem richtigen Weg unterwegs sind.

Das ist doch ein schönes Schlusswort. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Anfragen an den trialogischen Beirat richten Sie bitte zentral an die Geschäftsführung. Melanie Scharf freut sich auf Ihre E-Mail an melanie.scharf@lvr.de .

Zu sehen ist ein Luftballon mit dem Logo des Netzwerks
Mit einer Feier wurde die Pflegeschule der LVR-Klinik Köln in das Netzwerk "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" aufgenommen.

„Ich würde mir wünschen, dass wir alle mit den eigenen Vorurteilen aufräumen“

Frau Dickersbach, warum hat die Schule sich entschieden, dem Netzwerk „Schule ohne Rassismus“ beizutreten?

Nathalie Dickersbach: Die Idee entstand, als kürzlich eine der LVR-Förderschulen ins Netzwerk aufgenommen wurde. Unsere Klinik ist bereits zertifiziert als „Krankenhaus der Kulturen“. Und auch hier in der Pflegeschule sind wir sehr divers und sehr unterschiedlich: Wir haben Auszubildende aus den unterschiedlichsten Ländern, mit unterschiedlicher ethnischer Herkunft, Hautfarbe, Sexualität. Es ist nicht so gewesen, dass hier vorher Rassismus herrschte, aber ich finde in der heutigen Zeit ist es wichtig, noch einmal ein klares Statement zu setzen. Unsere Schule soll ein Ort sein, wo alle einen geschützten Raum haben, wo sie eine gute Lernatmosphäre haben, wo sich alle wohlfühlen und wo einfach alle ein bisschen mit darauf achten, dass ein gutes Klima herrscht. Die Aufnahme in dieses Netzwerk kommt eher einer Selbstverpflichtung gleich: Es geht darum, Dinge anzusprechen und gemeinsam an diesem guten Klima zu arbeiten.

Was muss man denn als Schule tun, wenn man beitreten möchte?

Nathalie Dickersbach: Das ist gar nicht so schwer. Man muss erst einmal eine geheime Abstimmung aller Schulmitglieder machen. Auf einem Wahlzettel kreuzt jede*r an, ob man bereit ist, der Selbstverpflichtung zuzustimmen. Das bedeutet Rassismus entgegenzutreten und zu einer offenen Auseinandersetzung und einem respektvollen Miteinander beizutragen. Um dem Netzwerk beizutreten, muss man mindestens 70 Prozent Zustimmung erreichen. Wir hatten sogar 94 Prozent positive Rückmeldungen, was mich sehr gefreut hat. Danach meldet man sich beim Netzwerk an und macht sich auf die Suche nach einem Paten oder einer Patin. Ich finde es toll, dass Ayan Ali uns als Patin unterstützt. Bevor sie als Stand-up-Comedian durchgestartete ist, hat sie selbst einmal in der Pflege gearbeitet.

Sie haben den Beitritt ins Netzwerk mit einer Projektwoche verbunden. Was haben Sie in dieser Woche alles gemacht?

Nathalie Dickersbach: Zunächst haben die Auszubildenden sich Gedanken darüber gemacht, was Rassismus für sie ist, wie sich das anfühlt. Daraus entstanden kreative Werke: ein Poster, eine Skulptur, etwas Haptisches, vielleicht auch Polarisierendes.

Im Verlauf der Woche gab es verschiedene Workshops mit Expert*innen. Wir hatten jemanden vom Verfassungsschutz hier, der über Rassismus im Netz aufgeklärt hat. Ich selber habe zum Beispiel gelernt, dass Emojis in der rechten Szene eine ganz andere Bedeutung haben können.

Es gab einen Workshop mit der Stabsstelle Gleichstellung und Gender-Mainstreaming zum Thema sexuelle Belästigung und wir haben mit der Kollegin vom Kompetenzzentrum Diversity und Migration speziell über Diskriminierung im Zusammenhang mit Migration gesprochen.

Wir hatten eine Betroffene zu Gast, die uns über das Thema Geschlechtsangleichung und den Umgang mit diesen Menschen in der Pflege aufgeklärt hat. Und wir haben uns mit jüdischem Leben in Köln beschäftigt. Es war also sehr bunt gemischt und wir alle, auch die Lehrkräfte, haben ganz schön viel gelernt.

Hat sich durch diese aktive Auseinandersetzung schon etwas in der Schule verändert?

Nathalie Dickersbach: Ja, das Tolle ist: Die Auszubildenden untereinander haben sich auch nochmal neu und anders kennengelernt und viele, die sich vorher noch nicht begegnet waren, sind hier in Kontakt getreten. Es war schon etwas Besonderes, alle Auszubildenden gleichzeitig hier zu haben. Das Kursübergreifende Arbeiten hat sehr gut funktioniert und wir hatten die ganze Woche über eine sehr schöne, harmonische Atmosphäre.

Wichtig ist uns auch, dass wir alle gemeinsam in diesem Prozess sind. Es ist kein Programm, das den Auszubildenden „übergestülpt wurde“, sondern wir alle beteiligen uns daran, Auszubildende wie Lehrkräfte. Zukünftig werden wir dieses Thema regelmäßig wieder aufgreifen und auch weitere Workshops anbieten, um die Auseinandersetzung mit Rassismus am Leben zu halten und auch neue Auszubildende einzubeziehen.

Was möchten Sie Ihren Auszubildenden mitgeben im Hinblick auf ihre Arbeit in der Klinik?

Nathalie Dickersbach: Ich finde, gerade in der Pflege von psychisch erkrankten Menschen: Jeden so anzunehmen, wie er oder sie ist. Und dass es natürlich auch kulturelle Aspekte gibt, die es zu berücksichtigen gilt und auf die man sensibel eingehen muss. Es macht überhaupt keinen Unterschied, wo jemand herkommt oder welchen Glauben jemand hat. Ich würde mir wünschen, dass wir alle mit den eigenen Vorurteilen aufräumen und offen auf die Menschen zugehen.

Die beiden Auszubildenden Cengizhan Kayas und Selim Ramaj mit Schulleiterin Nathalie Dickersbach (v.l.)
Die beiden Auszubildenden Cengizhan Kayas und Selim Ramaj mit Schulleiterin Nathalie Dickersbach (v.l.)

"Es ist wichtig, ein Zeichen zu setzen"

Was bedeutet der Beitritt zu dem Netzwerk „Schule ohne Rassismus“ für euch?

Cengizhan Kayas: Also, ich finde, das ist ein wichtiges Zeichen. Heutzutage wurden sehr viele von uns, auch ich persönlich, schon einmal rassistisch beleidigt. Und ich finde es wichtig, dagegen ein Zeichen zu setzen.

Ist euch bei der Arbeit schonmal Rassismus begegnet?

Cengizhan Kayas: Ja. Bei meinem letzten Einsatz habe ich einen Patienten versorgt und dann hat er zu mir gesagt, so als Joke: ‚Hier sind ja schon viele Schwarzköpfe‘. Ich habe ihm gesagt, dass das nicht geht und dass er bitte darauf achten soll.

Selim Ramaj: Das kann natürlich auch umgekehrt passieren, dass zum Beispiel von Ärzt*innen oder Pflegekräften mal ein unbedachter Satz fällt, der aber abwertend ist, aufgrund von Herkünften, kulturellen Bedingungen oder Einflüssen, die jemand mitbringt als Patient.

Und auch deswegen ist es einfach wichtig, dass wir dem Netzwerk beitreten, weil es einen Impuls setzt, einen kleinen Nadelstich. Denn niemand, würde ich behaupten, ist vorurteilsfrei. Aber sich dessen bewusst zu sein, ist so wichtig, und sich klarzumachen: Ich habe hier einen Patienten vor mir und keinen Menschen aus Sonstwo. Auf der anderen Seite müssen wir einen Nazi genauso behandeln, denn auch diese Menschen brauchen unsere Hilfe, wenn sie in die Klinik kommen. Und wir können einen Menschen nicht aufgrund seiner politischen Einstellung zum Beispiel anders behandeln oder schlechter behandeln als jemand anderen.

Wie hat euch die Projektwoche gefallen?

Cengizhan Kayas: Es waren sehr viele interessante Workshops und ich persönlich nehme sehr viel mit. Wir hatten gestern das Thema „Diskriminierung während der Arbeit“. Wie auch Selim sagte, sei es Herkunft oder das Aussehen, wir sind halt alle gleich. Egal wo man herkommt oder wie man aussieht.

Selim Ramaj: Ich fand die ganze Woche gut. Denn es ist ja nicht etwas, das man sich alltäglich bewusstmacht. Die Auseinandersetzung mit Rassismus, Diskriminierung, Mobbing, Hate Speech, Homophobie etc. - Niemand geht nach Hause und denkt: ‚Ok, wie rassistisch ist mein Umfeld gerade? Oder ich selber?‘ Und deswegen war die Woche einfach sehr gut.

Auch die vielfältigen Einblicke: Vom Verfassungsschutz zum Thema Rechtsextremismus oder von Amnesty International zu Menschenrechten. Gestern hatten wir einen Vortrag mit dem Integrationsbeauftragten unserer Klinik, Herrn Dr. Gün, in dem es um interkulturelle Öffnung der Pflege ging und es war einfach mega-interessant. Er hat uns eine breite Palette an Handlungsmöglichkeiten gezeigt, die ich zum Teil noch gar nicht kannte. Es gibt zum Beispiel Übersetzungsmöglichkeiten per Telefon oder auf einem speziellen Gerät. Es war so vielfältig und es war einfach so gut. Wenn ich das nächste Mal auf Station gehe und ich habe eine Sprachbarriere, weiß ich, wie ich mir helfen kann. Oder auch meinen Kolleg*innen, die manches davon vielleicht noch nicht kennen.

Das heißt, ihr würdet sagen, dass ihr für eure Arbeit etwas mitgenommen habt?

Selim Ramaj: Auf jeden Fall! Hundertprozentig! Wir sind quasi die nächsten Generationen, die in die Pflege gehen wird. Und deswegen ist es sehr wichtig, dass wir das gemacht haben.

Aber auch für schon Examinierte sind solche Trainings aus meiner Sicht sehr wertvoll - und ein wichtiger Schritt um alle Mitarbeitenden zu sensibilisieren.

Wenn politische Sprache krank macht

Ohne Schuld und Scham? Wie sich das aktuelle gesellschaftliche Klima auf Patient*innen mit Migrations- und Fluchterfahrung auswirkt, erzählt uns Marie Bette, Leitende Psychologin an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des LVR-Klinikums Düsseldorf, die auch die transkulturelle Ambulanz leitet.

Das Thema steht beim diesjährigen Kongress des Dachverband der transkulturellen Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (DTPPP) im Vordergrund. Fachpersonen aus verschiedenen Berufsgruppen tauschen sich darüber aus, wie sich die aktuelle politische Sprache auf die Betroffenen und den gesellschaftlichen Zusammenhnalt auswirkt und was das für ihre Arbeit im Gesundheitswesen bedeutet.

In diesem Jahr richtet ihn die Düsseldorfer Klinik für Psychosomatik den DTPPP-Kongress als Kooperationspartner mit aus. Der Kongress findet vom 25.-27.09.2025 im LVR-Klinikum Düsseldorf statt.

Was tun gegen Stammtischparolen?

„Das wird mal doch wohl noch sagen dürfen!“ Populistische Parolen begegnen uns überall. Sie spalten die Gesellschaft und vergiften das politische Klima. Und oft lassen sie uns mit einem Gefühl der Ohnmacht zurück: Wie kann ich in meinem persönlichen Umfeld auf die vehement vorgetragenen vermeintlichen Erklärungen, Schuldzuweisungen und Forderungen angemessen reagieren?

Professor Klaus-Peter Hufer von der Universität Duisburg-Essen hat schon vor mehr als 20 Jahren ein „Argumentationstraining gegen Stammtisch-Parolen“ entwickelt und seitdem Hunderte Seminare gegeben. Eines davon zusammen mit dem Kompetenzzentrum Diversity und Migration des LVR-Klinikverbunds. Derzeit wird das Argumentationstraining im Rahmen des EU-Projekts „Stand up for Europe“ neben Deutschland auch in Bildungseinrichtungen in Slowenien, Italien, Ungarn und der Türkei etabliert.

Warum es so wichtig ist, Stammtisch-Parolen etwas entgegenzusetzen und wie man trotz Fassungslosigkeit angemessen reagieren kann, erklärt er im folgenden Interview.

Vielfalt ist ihr Beruf: Die Diversity und Migrations-Manager*innen der LVR-Kliniken

Für die LVR-Klinken ist Vielfalt nicht nur selbstverständlich gelebter Alltag, sondern wir fördern sie auch aktiv. In den LVR-Kliniken gibt es dazu neben Integrationsbeauftragten inzwischen auch spezialisierte Diversity und Migrations-Manager*innen. Sie arbeiten eng mit dem LVR-Kompetenzzentrum Diversity und Migration zusammen. Ihr Aufgabe ist es, ein inklusives Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem sich die unterschiedlichsten Persönlichkeiten auf Augenhöhe begegnen und einbringen können.

Was bedeutet Diversity für die Kolleg*innen ganz persönlich? Die Antworten geben sie in diesem Video.

Bei der Demokratie geht es darum, dass Menschen zusammenkommen und gemeinsam Veränderungen gestalten.
Seelische Gesundheit und Demokratie sind eng miteinander verknüpft. Eine starke Demokratie braucht Menschen, die sich selbstbestimmt einbringen können.

Partizipation im LVR-Klinikverbund

Demokratie lebt davon, dass sich alle Menschen aktiv beteiligen können – unabhängig von ihren Lebensumständen oder persönlichen Herausforderungen. Auch im Bereich der seelischen Gesundheit ist es unser Ziel, Teilhabe zu fördern, Mitsprache zu ermöglichen und gemeinsam Veränderungen zu gestalten.

Ein zentraler Ansatz in der Psychiatrie ist das trialogische Prinzip: Betroffene, Angehörige und Fachleute kommen auf Augenhöhe miteinander ins Gespräch. Dieser Austausch führt zu einem besseren Verständnis und stärkt demokratische Prozesse im Gesundheitswesen.

Zudem setzen wir uns für mehr Partizipation ein – ob durch Mitbestimmung in Einrichtungen, die Förderung von Genesungsbegleiter*innen oder die politische Bildung von Menschen in psychiatrischen und forensischen Einrichtungen.

Einblicke in unsere Initiativen:

  • Genesungsbegleitung
    Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) setzt sich mit seinen Angeboten dafür ein, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen oder seelischen Beeinträchtigungen nicht nur Unterstützung erhalten, sondern auch als Expert*innen in eigener Sache Gehör finden. Menschen mit eigener Erfahrung in psychischen Krisen unterstützen als Genesungsbegleiter*innen andere Betroffene in der Psychiatrie oder im Maßregelvollzug. Sie bringen ihre persönlichen Erfahrungen ein, bauen Brücken zwischen Patient*innen und Fachpersonal und tragen so zur Stärkung demokratischer Strukturen bei. Derzeit läuft ein Filmprojekt, das einen Einblick in die Arbeit unserer Genesungsbegleitenden geben wird. Der Film wird demnächst hier zur Verfügung stehen.
  • Der trialogische Beirat im IFUB
    Das Institut für Forschung und Weiterbildung im Bereich der unterstützenden psychiatrischen Begleitung (IFUB) setzt auf die Expertise Betroffener. Der trialogische Beirat vereint Perspektiven von Nutzer*innen, Angehörigen und Fachkräften, um neue Wege in der psychiatrischen Versorgung zu entwickeln.
  • Politische Bildung für forensische Patient*innen
    Demokratie bedeutet Mitbestimmung – doch wie können Menschen im Maßregelvollzug aktiv an gesellschaftlichen Prozessen teilhaben? In einem neuen Bildungsangebot sollen Patient*innen politische Grundkompetenzen erwerben und eigene Interessen vertreten lernen.

Diese Initiativen zeigen, wie eng Demokratie und seelische Gesundheit miteinander verknüpft sind. Denn eine starke Demokratie braucht Menschen, die sich selbstbestimmt einbringen können – unabhängig von ihren Lebensumständen. Der LVR setzt sich dafür ein, diese Teilhabe zu ermöglichen.